Vorsicht: Expertenmeinung!

Vom Experiment zum Experten: Immer wieder erreichen mich Anfragen, ob ich als Experte für irgendwas ein Experteninterview geben kann. Das mache ich gerne – ohne zu wissen, ob ich Experte bin, oder ob es doch nur (wieder) zum Ex gereicht hat…

Um als Experte zu gelten, muss man laut Wikipedia über ein überdurchschnittlich umfangreiches Wissen auf einem Fachgebiet oder mehreren bestimmten Sacherschließungen oder über spezielle Fähigkeiten verfügen. „Neben dem theoretischen Wissen kann eine kompetente Anwendung desselben, also praktisches Handlungswissen, für einen Experten kennzeichnend sein.“

Gemäß dieser Definition bin ich also tatsächlich irgendwie ein Experte – für Technische Redaktion, Software-Dokumentation, doch eigentlich lieber ein Experte für agile Dokumentationserstellung, aber gerne auch ein Experte für kollaboratives Schreiben und wenn’s sein muss sogar Experte für Atlassian Confluence.

Experten-Interviews

Als ein solcher Experte erhalte ich immer wieder Anfragen von Studierenden – natürlich für Experten-Interviews! Deren Inhalt möchte ich euch nicht vorenthalten – oder im Sinne eines Schwaben: „Nichts verkommen lassen“. Eine Studentin der Technischen Redaktion und E-Learning Systeme an der Hochschule Merseburg stellte mir im Rahmen ihrer Bachelor-Thesis beispielsweise kürzlich folgende zwei Fragen. Doch Achtung: Meine Antworten nehmen vielleicht einen etwas anderen Standpunkt ein als erwartet!

Welche Fähigkeiten muss der Technische Redakteur im Zeitalter von Industrie 4.0 mitbringen?

Martin Häberle: Heutzutage entstehen unter den Begriffen „Industrie 4.0“, dem „Internet der Dinge“ etc. neuartige Software- und Hardware-Lösungen für unterschiedlichste Branchen, die extrem komplex und erklärungsbedürftig sind. Bei genauerer Betrachtung der eigentlichen IoT- oder Industrie-4.0-Lösungen verbirgt sich hinter diesen modischen Schlagwörtern jedoch meist bestenfalls ein neuartiger Mix aus bewährten Technologien und Konzepten, die alles andere als Raketenwissenschaft sind.

Für Technische Redakteure bedeutet dies zunächst einmal vor allem eines: Ruhe bewahren, der eigenen Erfahrung und dem gesunden Menschenverstand vertrauen. Denn neben fachlich-methodischen Grundlagenkenntnissen und einem soliden Verständnis der beteiligten Systemkomponenten benötigen Technische Redakteure aus meiner Sicht hauptsächlich ein hohes Maß an Aufgeschlossenheit gegenüber dem Neuen bzw. Unbekannten einerseits und eine starke Kommunikationsfähigkeit andererseits – also keineswegs neue Voraussetzungen oder Fähigkeiten.

Eines scheint jedoch aus meiner Sicht heutzutage wichtiger denn je geworden zu sein: die Kunst der Vermarktung zu beherrschen. Denn oft gewinnt nicht etwa die technisch höchstentwickelte IoT-Lösung, oder der Technische Redakteur mit den meisten Technologiekenntnissen bekommt den Zuschlag. Stattdessen setzt sich durch, wer besonders plakativ und ausdauernd seine Lösungen, Botschaften und behaupteten Fähigkeiten kommunizieren kann. Als Technischer Redakteur empfiehlt es sich also, einige Zeit eng mit Marketing und Vertrieb zusammengearbeitet zu haben bzw. zwischen den Welten wechseln zu können.

Passend dazu ein wenig Musik

Welche Fähigkeiten müssen Technische Redakteure, die momentan in einem Unternehmen angestellt sind, sich durch Fort- und Weiterbildungen aneignen (Bezug auf Industrie 4.0)?

Martin Häberle: Die heute gängige Denkweise, eine Befähigung für einen Beruf ließe sich durch eine Auflistung von bestimmten „Skills“ und durch Anhäufung von Fort- und Weiterbildungszertifikaten definieren, halte ich für besorgniserregend. Nicht selten sind insbesondere bei Studierenden und Berufseinsteigern leider Mängel bei den Grundlagen festzustellen – etwa bei der sicheren und selbstständigen Anwendung von Arbeitstechniken, in ihrer sprachlichen Ausdrucksfähigkeit oder im kritisch-reflektierten Denken bis hin zu den sogenannten „Soft Skills“.

Das Berufsbild des Technischen Redakteurs ist extrem vielfältig. Welche Qualifikationen zur Ausübung einer konkreten Stelle erforderlich sind, ist demnach höchst individuell je nach Branche, eingesetzter Technologie, Unternehmensgröße und dem Aufgabenumfeld zu bestimmen. Ob ein Technischer Redakteur auch selbst programmieren können muss, sich mit User Experience auskennt, seine Kenntnisse in Elektronik oder Robotik vertieft oder ob er sich mit Cloud-Technologien oder agilen Projektmanagement-Methoden beschäftigt, ist also nicht zuletzt auch eine Frage der persönlichen Neigungen und Interessen.

Wie geht’s weiter?

Na, waren diese Antworten EX-plosiv und kontrovers genug? Die Sprache verschlagen hat es auf jeden Fall der interviewenden Studentin. Sie stand unter derart heftigem Zeitdruck, dass ich leider nie wieder etwas von ihr gehört habe. Ihr dürft euch hingegen aufs zweite Experteninterview freuen, bei dem es in Kürze ums Thema „Social Collaboration“ gehen wird. Bis dahin!

Als Vermittler zwischen Mensch und Technik verfüge ich über jahrelange berufliche Erfahrung in der Technikkommunikation, im Produktmarketing sowie im technischen Consulting für Atlassian-Produkte. Mein Herz schlägt für kollaborative Werkzeuge und Schreibprozesse der nächsten Generation, für Sachtexte und deren Wirkung, aber auch für Sprache – insbesondere wenn's um das Vorlesen geht. Vorsicht, Lesegefahr!

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