Marketing ist schmutzig – oder etwa nicht?

Im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos machte mich die Session „Fuck Marketing“ auf dem Literaturcamp Heidelberg. Die These der Session: Marketing bedeute, Scheiße als Gold zu verkaufen und mit Täuschungsabsicht unmündige Konsumenten zum Geldausgeben zu verführen. Dazu ein paar Einwände von mir als Zweidrittel-Marketingprofi und von anderen Menschen, denen diese Denkweise ebenfalls Bauchschmerzen bereitet

Mehr Kontroverse – das wünschten sich die Organisatoren des Literaturcamp Heidelberg für den „Qualitätssonntag“, und gossen direkt ordentlich Öl ins Feuer mit einer Diskussions-Session über Marketing. Viele Anwesende auf dieser jährlich stattfindenden Unkonferenz sind Teil des Literaturbetriebs – sei es als Schreibende, mit eigenen Buch-Blogs oder als Glieder innerhalb der langen Verwertungskette irgendwo zwischen Selfpublishing, Agentur, Verlag, Distribution und Buchhandel – da liegt dieses Thema auch recht nahe.

Zum Stichwort „Fuck Marketing“ fanden glücklicherweise viele Session-Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht nur auf Twitter schnell wieder ihre Fassung:

https://twitter.com/AnnikaBuhnemann/status/878920476638273536

Kein Marketing ist auch keine Alternative

Klar gibt es nervige, marktschreierische Werbung, fragwürdige Methoden und halbseidene Marketeers, doch das ist nur ein kleiner, wenn auch leider sehr sichtbarer Teil des Ganzen. Werbung und Marketing sind ebenso verschiedene Dinge wie Verkaufen und Marketing. Gerade von Nicht-Marketingleuten werden diese Begriffe häufig durcheinandergewirbelt – so auch auf dem Literaturcamp.

Mein Eindruck war vielmehr, dass der Zuspruch zu einem pauschalen „Fuck Marketing“ genau von denjenigen kam, die sich selbst für Marketing zu bequem sind. Von Büchermenschen, die sich nicht die Mühe machen, sich mit Marketing ernsthaft zu befassen, weil das Thema methodisch, technisch und auch ethisch durchaus komplex ist.

Da ist es doch viel einfacher, pauschal auf die bösen, bösen Marketingleute zu schimpfen, als sich um die Vermarktung des (oft selbstverfassten) Buchs zu kümmern, Mehrwerte für die Zielgruppe zu schaffen, authentisch mit der Leserschaft in Kontakt zu treten und so Sichtbarkeit fürs Produkt zu schaffen, oder?

Lieber in Schönheit sterben als Marketing machen?

Nicht dass wir uns falsch verstehen: Bücher zu schreiben und diese nicht zu vermarkten ist völlig legitim. Doch dann sprechen wir über ein Hobby. Das hat den Vorteil, dass das Werk auch keinen Marktanforderungen wie Qualität oder Originalität entsprechen, sondern nur einem selbst gefallen muss. Aber dann bitte auch nicht jammern, wenn das Buch niemand kauft.

Marketing machen nur die anderen

Wieder andere Session-Teilnehmerinnnen und Teilnehmer verstehen unter dem Begriff „Marketing“ ausschließlich die schlimmen Dinge, die bloß die anderen tun – etwa Agenturen mit verachtenswerten Zielen (Geld verdienen) und sonstige Bösewichte. Man selbst hingegen tut doch sprichwörtlich nur Gutes, und redet darüber. Das muss ja wohl erlaubt sein, oder?

Ja, ist es! Und genau das ist Marketing.

https://twitter.com/AnnikaBuhnemann/status/878925662941216768

Übrigens: Mit „Fuck Marketing!“ als Session-Titel hat Suse einen plakativen, eingängigen und sogar Hashtag-freundlichen Schlachtruf gefunden, um möglichst viele Menschen für ihr Thema zu interessieren. Auch das ist (gelungenes) Marketing!

Fazit zu „Fuck Marketing“

Gerne hätte ich in der Session über konkrete Beispiele für gelungene (oder grandios gescheiterte) Marketing-Kommunikation diskutiert, über fragwürdige und lupenreine Methoden, über schwarze Schafe und Wölfe im Schafspelz. Dann wären wir der titelgebenden Fragestellung, ob Marketing schmutzig sein muss, näher gekommen. Doch dafür blieb vor lauter Bashings und Begriffsdefinitionen kaum Zeit. Übrig geblieben ist bei mir ein etwas fader Nachgeschmack zu einem ansonsten sehr schönen Barcamp.

tl;dr: Marketing ist nicht per se böse, sondern ein Werkzeug, das im Idealfall Menschen zusammenbringt. Und jetzt könnten wir uns alle wieder lieb haben. ❤️

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