Von spitzen Klammern und Gummizellen: Das war das Markupforum 2013

Unter dem Motto „keine Werbung, keine Produktpräsentation: pures XML“ findet jedes Jahr das Markupforum in Stuttgart statt. Meine Eindrücke von der diesjährigen Fachveranstaltung für Verlagsmenschen, Medientechniker und XML-Anwendungsentwickler

Markupforum meets Lesegefahr

Markupforum 2013Zur 2013er Ausgabe des Markupforums bot sich mir zum ersten Mal die Gelegenheit, an der von den XML-Spezialisten parsQube und data2type organisierten Veranstaltung teilzunehmen. Der Veranstaltungsort, die Hochschule der Medien (HDM) Stuttgart, ist hierfür ideal geeignet: perfekte Infrastruktur (WLAN!, Verpflegung!, Twitterwall!, s.u.), dazu genügend Platz und nicht zuletzt eine offene, junge und positive Atmosphäre – kein Wunder, dass direkt nach dem Markupforum dort das Startup Weekend Stuttgart begann.

Meine anfängliche Kopfrauchsorge erwies sich aber – trotz teils hochkarätiger Vorträge – als unbegründet. Denn den Organisatoren gelang es, die perfekte Balance zwischen Vorträgen, Networking- und nicht zuletzt Essenspausen zu finden:

Das Publikum war sehr gemischt, viele junge Gesichter waren dabei und die vermeintlich ewiggestrigen „Totholz-Fetischisten“ blieben komplett fern. Dass XML-Technologien, volldigitale Publikationsprozesse und E-Books in deutschen Verlagen die Zukunft (und für viele Anwesende bereits die Gegenwart) sind, stand hier nicht mehr zur Diskussion. Das hatte ich auf der Frankfurter Buchmesse noch anders erlebt …

Eine kleine Publikumsumfrage zu Anfang zeigte, dass hier wirklich Techies anwesend waren. Rund 80 % bevorzugten die Quelltextansicht beim Editieren von XML. Und dass wir im 21. Jahrhundert angekommen sind, zeigte die gewaltige Twitterwall, die wie erhofft rege genutzt wurde und schon bald Botschaften u.a. mit gelb-schwarzem Warndreieck anzeigte:

Die Vorträge

Die eingangs gestellte Frage nach der bevorzugten XML-Bearbeitungsansicht wurde zur Keynote von Michael Sperberg-McQueen relevant. Denn Menschen und ihre XML-Anwendungen zusammenzubringen, war das Ziel dieser Koryphäe, die beim W3C an XML-Standards wie XML Schema maßgeblich beteiligt war. Nicht wenige Anwender, hauptsächlich Autoren und Redakteure, kommen mit „spitzen Klammern“ nämlich überhaupt nicht klar. Wir sperren sie einfach in eine „Gummizelle“, wo sie keinen Schaden anrichten können. Das schlug Dr. Sperberg-McQueen in glänzendem Deutsch vor und meinte damit die XML-Formulartechnologie XForms, aber auch andere webbasierte Editoren für XML wie Xopus, Xeditor und sxedit – nicht zu vergessen den Server/Client-basierten Prototyp von oXygen zur WYSIWYG-Bearbeitung von XML (nicht nur) auf dem iPad.

Über XML-Bearbeitung im Browser sprach auch Gerrit Imsieke. Die oft stark geschachelte Struktur von XML-Dokumenten ist für Autoren meist unhandlich. Eine Lösung ist, das XML für die Darstellung im Web-Editor zu transformieren bzw. „plattzuklopfen“. Dabei kann Saxon-CE helfen, ein in JavaScript implementierter XSLT2.0-Prozessor. Dieser läuft im Browser des Anwenders und kann die „Übersetzungsarbeit“ XML-Mensch-XML leisten. Wie das und vieles mehr funktionieren kann, führte Gerrit eindrucksvoll vor.

Ist das ein „echter“ Anwendungsfall, den wir beim tollen Saxon-CE-Vortrag von Dr. Thomas Meinike auf der tekom-Jahrestagung noch ein wenig vermisst hatten?

Kurz vor der Mittagspause hatte ich die Gelegenheit, wieder einmal einem alten Bekannten zuzuhören. Denn Gerhard Lier von meinem ehemaligen Arbeitgeber SoftProject GmbH stellte dem teils staunenden Publikum vor, wie XML in Geschäftsprozessen eingesetzt wird. Einige Anwendungsbeispiele innerhalb seiner Produktpräsentation kamen mir dabei verdächtig bekannt vor, denn manche hatte ich noch eigenhändig erstellt. 🙂

Nach dem Mittagessen fanden sich spontan noch zwei Referenten, die eine krankheitsbedingt klaffende Lücke im Programm schlossen. Denn Gregor Fellenz und Tobias Fischer erklärten sich bereit, eine Kompaktfassung ihres Vortrags zu Printlayouts mit CSS3 zu halten, den sie für die tekom-Jahrestagung 2013 zusammengestellt hatten. Praktisch für mich: damals konnte ich erst zur zweiten Hälfte des Vortrags kommen und nun folgte noch der fehlende Teil. 🙂

Gleich im Anschluss stellte Tobias den kostenlosen pagina EPUB-Checker für Mac OS X (und Windows sowie Linux) vor. Dann folgte die Vorstellung von le-tex transpect, einem OpenSource-Framework für die Prüfung und Konvertierung von XML-Dateien und XML-basierten Dateiformaten wie OOXML (.docx), IDML und EPUB.

Im nächsten Vortrag wurde es wieder etwas theoretischer, als Sven Krantz-Knutzen über das Thema XML last und XML first sprach und Erfahrungswerte aus seinem Verlagsalltag bei Wolters Kluwer einbrachte. Mein Fazit daraus: „XML last“ wird auf lange Sicht aussterben, denn „nur Print“ ohne digitale Weiterverwendung oder „Enhancements“ ist kein Zukunftsszenario. Für „XML first“ ist allerdings (auch auf Autorenseite, siehe Gummizelle) noch einiges an Überzeugungs- und Entwicklungsarbeit zu tun.

Gestärkt von einer Kaffee- und Kuchenpause zurückgekehrt, ging es wieder mit einem „Hardcore Techie“-Thema weiter: Thorsten Rohm setzt seit zweieinhalb Jahren Schematron zur Qualitätssicherung von XML-Daten bei Thieme Compliance (vermutlich dem Weltrekordhalter bei AntennaHouse-Lizenzen) ein und zeigte, wie das geht und was alles mit Schematron-Prüfregeln möglich ist.

Bloß warum der erzeugte Prüfbericht, der Regelverstöße auflistet, als Druckdokument an die Autoren/Redakteure zurückgeschickt wird und nicht direkt im Editor oder wenigstens als HTML ausgegeben wird, erschloss sich mir nicht unmittelbar. Oder geht diese „Mängelliste“ direkt an den Vorgesetzten als Datengrundlage fürs nächste Mitarbeitergespräch? 😉

Und zum Abschluss – man glaubt es kaum, wie schnell ein Tag vorbeigehen kann! – sprachen Dr. Christian Grün und Dr. Alexander Holupirek über ihr XML-Datenbanksystem BaseX, das für Forschungsprojekte an der Universität Konstanz entstand und erstaunliche Möglichkeiten zur Datenvisualisierung sowie zur Pflege, Verwaltung & Verarbeitung von XML-Daten über Webanwendungen bietet:

Fazit und Aufruf

Eines der Ziele fürs Markupforum war, meine XML-Kenntnisse zu vertiefen und neue Ideen und Technologien kennenzulernen. Das ist eindeutig gelungen. Auch mein (Twitter-)Netzwerk hat sich deutlich erweitert. Wenn sich jetzt noch aus dem Umfeld des Markupforums eine spannende feste oder freie Tätigkeit im Bereich E-Publishing, XML-Anwendungen oder an der Schnittstelle zu Autoren/Redakteuren (mit oder ohne „Gummizelle“) für mich ergibt, wäre das wirklich hervorragend! Wer etwas entsprechendes im Raum Stuttgart/Karlsruhe/Mannheim weiß oder jemanden kennt, darf sich gerne via mail@lesegefahr.de an mich wenden. So, </Eigenwerbung> 🙂

Und schließlich geht mein Dank und ein Riesenlob an die Veranstalter. Alles lief wie am Schnürchen, man konnte sich rundum wohlfühlen; Der Mix zwischen Event und Weiterbildung ist perfekt gelungen. Und wenn sich jetzt noch die eine oder andere Rückmeldung zu meinem Aufruf einfindet, bin ich mit dem Markupforum 2013 wunschlos glücklich!

Als Vermittler zwischen Mensch und Technik verfüge ich über jahrelange berufliche Erfahrung in der Technikkommunikation, im Produktmarketing sowie im technischen Consulting für Atlassian-Produkte. Mein Herz schlägt für kollaborative Werkzeuge und Schreibprozesse der nächsten Generation, für Sachtexte und deren Wirkung, aber auch für Sprache – insbesondere wenn's um das Vorlesen geht. Vorsicht, Lesegefahr!

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