Die Zukunft lügt wie gedruckt

Mit der Image-Aktion „Die Zukunft wird gedruckt“ will der Bundesverband Druck & Medien mit vielen tollen Argumenten und Pop-Art-Infografiken belegen, warum Print überhaupt nicht tot ist und, ganz im Gegenteil, das Internet bloß eine Randerscheinung. Eine ebenso polemische Replik von einem aus dem Internet

2013-04-15_23h24_06

„Print wächst“

Im ersten Abschnitt des Pamphlets widmen wir uns dem Thema Wachstum. Das ist ja bekanntlich immer gut (siehe Krebs) und dauert zudem schon aus mathematischen Gründen immerfort an. Deshalb erst einmal ein paar Mut machende Zahlen:

Preisgekrönt: 6 von 11 Awards für die besten Druckereien gehen an Deutschland

Oder besser: Nur noch in einem Land wie Deutschland, das jede technologische Neuerung im Bereich „neue Medien“ verschnarcht hat, schert man sich noch darum, wer am besten totes Holz mit Farbe bedruckt.

Rund 34 Milliarden gedruckte Sendungen landen in deutschen Briefkästen: Bücher, Kataloge, Zeitschriften, Prospekte. Das sind 425 Sendungen pro Kopf und Jahr.

Und das meiste davon wird ungefragt dort eingeworfen (Opt-in ist schließlich ein Fremdwort) und landet ungesehen im Papierkorb. Klasse, gerade für den Umweltschutz! Doch dazu später mehr.

82 000 Neuerscheinungen pro Jahr machen den deutschen Buchmarkt führend.

Die deutschen Verlage machen es vor: statt mit Qualität punkten die selbsternannten Gralshüter des Kulturguts Buch mit Quantität. Schließlich kann man nie genug Promibiografien, Kochbücher und Vampirschmonzetten auf den Markt werfen.

3,5 Milliarden € pro Jahr für gedruckte Werbemittel vom Plakat bis zum Werbekuli. Tendenz steigend.

Noch immer verkünden die „Mediaberater“ ihr Mantra, dass man bloß noch mehr Plakate und Flyer drucken muss, damit Werbung endlich wahrgenommen wird. Und noch immer gibt es Firmen, die dämlich genug sind, das zu glauben.

Der Papierverbrauch für Gedrucktes hat sich seit den 50-er Jahren verelffacht

Ganz ähnlich verhält es sich mit Atommüll. Und dass beide Kurven spätestens seit 2011 eingeknickt sind, hat bestimmt nichts zu bedeuten. Strahlende Aussichten!

+5,3 % ist die Druckleistung 1992–2011 gewachsen

Danach ist sie zwar gemäß der abgebildeten Infografik wieder deutlich abgeflacht, aber schließlich kommt es wie bei den „Sturmgeschützen der Demokratie“ nur auf die Schussfrequenz und nicht auf die Treffsicherheit an.

„Print ist digital“

All diese unkenrufenden Digitalos sind ohnehin im Unrecht. Schließlich ist Print längst digital. Eine Digitaldruckstraße ist nämlich praktisch dasselbe wie das Internet. So oder so ähnlich könnte man den folgenden Teil zusammenfassen.

60 % aller Online-Besteller haben vorher im gedruckten Katalog geblättert

Stimmt, besonders gerne wird dabei der Amazon-Gesamtkatalog durchgeblättert, der in handlichen drei LKW-Ladungen frei Haus geliefert wird.

5,5 Millionen Internethaushalte nutzen mindestens einmal pro Jahr einen QR-Code, der sie direkt ins Internet bringt – und der wird gedruckt.

Wer also glaubt, dass man DSL, Mobilfunk oder ein Kabelmodem für einen Internetzugang braucht, der irrt sich gewaltig. Ein gedruckter (!) Pixelfleck reicht völlig, um ins Internet zu kommen. Von den 28 Millionen Haushalten mit Internetanschluss (Stand 2011) scannt also etwa jeder Fünfte 1–5-mal jährlich einen QR-Code.
Und Papier als Trägermaterial für einen Link ins Netz: wenn das kein Argument für die Attraktivität des Internets von Print ist.

6,2 Millionen eigene Magazine druckt Online-Händler Zalando, um online mehr zu verkaufen.

Und für Fernsehwerbung gibt Zalando auch mehrere Millionen aus. Ganz nebenbei machen sie 2012 dicke Verluste und schrammen knapp an der Insolvenz vorbei. Die Retourenquote von rund 50 Prozent ist selbstverständlich bloß deshalb so niedrig, weil sich die Kunden mit dem Printmagazin in der Hand einen viel besseren haptischen Eindruck ihres zukünftigen Schuhs machen können, als das am Bildschirm möglich wäre.

„Print ist nachhaltig“

Kommen wir nun zum geradezu lächerlichen Vorwurf der Internet-Jünger, es sei total umweltschädlich, Bäume zu fällen um Papier zu bedrucken und quer durchs Land zu kutschieren. Das Internet, haben führende Printforscher herausgefunden, braucht nämlich Strom:

Zeitunglesen erzeugt 20 % weniger CO2 als das Lesen der gleichen Nachrichtenmenge im Internet

Nun, beim eigentlichen Lesen erzeugt höchstens das Ausatmen CO2, und die Menge dürfte bei Zeitung oder Bildschirm in etwa gleich sein. Einziger Unterschied: man muss am Bildschirm nicht die Nachrichten von gestern lesen. Und spätestens wenn die Zeitung anschließend zum Anzünden des Kachelofens verwendet wird, sieht die CO2-Bilanz schon wieder anders aus …

12 000 Tonnen CO2 haben die Druckereien im Rahmen der Green Printing Initiative in den letzten 12 Monaten kompensiert.

Ja, manche haben einiges zu kompensieren. Was dem einen sein Porsche ist, ist dem anderen seine Greenwashing-Initiative.

100 % beträgt der Altpapieranteil bei Zeitungen

Stimmt. Die Zeitung ist schon am Kiosk veraltet und das gekaufte Exemplar kann nicht mehr aktualisiert werden, ohne aufwändig eingesammelt, zusammengestampft, bewässert, transportiert und neu bedruckt zu werden.

„Print macht Geschäft“

Bedrucktes Papier ist bares Geld (und bares Geld ist übrigens oft auch bedrucktes Papier). Dass es ein Geschäftsmodell ist, von dem viele, aber hauptsächlich Verlage – weniger die Leser oder Autoren – profitieren, lernen wir im Endlager für Restargumente:

1,8 x wird eine Anzeige vom Leser gesehen. TV-Spots und Banner kann man nur einmal sehen – nur Print erzeugt Mehrfachkontakte.

Zumindest behaupten das Anzeigenverkäufer, um sich die Auflage schönzurechnen. Selbstverständlich werden TV-Spots aufwendig gedreht, um sie nur ein einziges Mal auszustrahlen. Bei Bannerwerbung im Internet ist ein erneutes Anzeigen sogar noch kniffliger …

2/3 aller Werbung wird gedruckt

Von all der Werbung, die täglich auf uns einprasselt, wird erstaunlicherweise null Prozent der Fernseh- und Online-Werbung gedruckt, wie uns die Infografik offenbart. Das ist doch eine erschreckende Sachlage, die unser Gesetzgeber dringend angehen sollte!

74 % aller Deutschen lesen gedruckte Werbemailings.

Ja, es ist ein Jammer, dass alte Leute heutzutage dermaßen allein sind, dass sie sogar den Werbemüll aus dem Briefkasten lesen und für persönliche Mitteilungen halten, bloß weil ihr Name draufsteht.

60 % mehr sind die Deutschen bereit für gedruckte Informationen zu bezahlen als für Online-Informationen. Eine Vertrauensprämie.

Dieser Vertrauensvorschuss wird in letzter Zeit durch zunehmende Boulevardisierung verspielt. Gäbe es mehr zeitgemäße Bezahlmodelle für Onlinemedien, wären auch dort vermehrt Internetnutzer bereit, Geld für Inhalte (nicht zu verwechseln Klickstrecken-„Content“ etc.) auszugeben.

46 % aller Deutschen planen ihren Einkauf mit Anzeigenblättern.

Und kaum ein Käufer hält sich an das, was auf dem Einkaufszettel steht. Denn daran hindert ihn schließlich der Einzelhandel mit psychologisch fein justierten Verlockungen.

36 % erinnern sich an gedruckte Werbebriefe, an Werbe-E-Mails nur 5 %.

Stimmt. Für Werbebriefe muss man vom Briefkasten zur Mülltonne laufen, das bleibt im Gedächtnis kleben wie der Kaugummi am Schuh, den man sich unterwegs eingetreten hat. Dagegen lassen sich Werbe-E-Mails bei Nichtgefallen entweder abbestellen oder trollen sich ins Spam-Postfach und sterben dort den Tod des Nichtbeachteten.

Alle 5 Sinne werden von Print erreicht. Gedrucktes kann man anfassen, riechen, schmecken, sehen und hören.

Man kann sich an Papierkanten auch wunderbar schneiden. Druckerschwärze verfärbt die Fingerkuppen und beim Gestank billiger Druckfarbe schwindet so manchem der Appetit. Natürlich könnte man Papier aber auch wunderbar essen (das sind 1A Ballaststoffe!). Print-Produkte sind multimedialen Internet-Geräten zudem haushoch überlegen, um damit Inhalte sehen und hören zu können – bekanntlich vor allem Bewegtbild und Sprache.

8 der 10 meistzitierten Medien sind Printmedien

Stimmt, es sei denn, man nimmt noch die bei vielen Zeitungen beliebte Zitierweise „Quelle: Internet“ und „Quelle: dpa“ mit auf. Dann würde das Verhältnis gänzlich zugunsten von nichtgedruckten Nachrichtenquellen kippen.

Interessant wäre es zudem zu erfahren, was hier mit „zitiert“ gemeint ist. Schließlich gibt es zum einen sehr erfolgreiche Online-Ableger der genannten Printmedien (SPON und Bild.de) zum anderen eine Menge Online-Journalisten und Blogger, die diese und andere Web-Angebote zitiert – natürlich nur streng innerhalb des Leistungsschutzrechtes.

Mein Fazit zur Aktion „Die Zukunft wird gedruckt“

Nun könnte man einwenden, Propaganda-Argumente zu zerklauben – und das auch noch mit solch einer Portion Polemik – sei müßig und dass ich mich aufs gleiche Niveau hinab begebe. Die Frage, die sich mir jedoch stellt ist: was soll dann eine solch einfältige Aktion der Druckindustrie? Internetnutzer werden deshalb bestimmt nicht ihr Laptop zuklappen, Print-Jünger sind ohnehin schon bekehrt. Bleiben die Werbemittelentscheider, die ihr Print-Budget beibehalten oder sogar aufstocken sollen. Aber ob die sich von derart plumpen Argumentationsversuchen überzeugen lassen? Und vor allem vermisse ich diesmal das pauschale Google-Bashing und den Ruf nach mehr Schutzgesetzen. Einmal mehr wurde also nur halbfertige Arbeit abgeliefert …

[Disclaimer: Ich bin durchaus der Ansicht, dass Print seine Daseinsberechtigung hat und dass das Internet nicht alle Probleme löst.]

Bildquelle: die-zukunft-wird-gedruckt.de

Als Vermittler zwischen Mensch und Technik verfüge ich über jahrelange berufliche Erfahrung in der Technikkommunikation, im Produktmarketing sowie im technischen Consulting für Atlassian-Produkte. Mein Herz schlägt für kollaborative Werkzeuge und Schreibprozesse der nächsten Generation, für Sachtexte und deren Wirkung, aber auch für Sprache – insbesondere wenn's um das Vorlesen geht. Vorsicht, Lesegefahr!

4 Gedanken zu „Die Zukunft lügt wie gedruckt

  1. MarkusNickl Antworten

    Na ja, die Aktion entlarvt sich doch selbst. Wenn Print so einzigartig toll wäre, warum finde ich denn dann das ganze im Internet unter die-zukunft-wird-gedruckt.de…

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